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Routerzwang & Flatrate-Ende: Bedrohung für VoIP und Internetkultur?

Routerzwang & Flatrate-Ende: Bedrohung für VoIP und Internetkultur?

Seit Anfang des Jahres hält es die Bundesnetzagentur für zulässig, dass Internetprovider ihren Kunden einen bestimmten Router, den sie selber liefern, vorschreiben dürfen. Diese Auffassung steht in krassem Widerspruch zu bestehenden Gesetzen und kann schwerwiegende Auswirkungen auf die Errungenschaften, die für uns alle mit dem Siegeszug des Internets zur Gewohnheit geworden sind, haben. Netzneutralität und der ungehinderte Zugang zu den verschiedensten IP-basierten Diensten (z. B. VoIP und Streamingdienste) sind in Gefahr! Folgender Artikel ist ein möglicher Zukunftsausblick und beschreibt nicht die aktuelle Realität. Weitere Informationen zum Routerzwang finden Sie darüber hinaus in einem Gastkommentar zum Routerzwang in der Computer Reseller News (CRN).

Das sagt das Gesetzt

Gesetz über Funkanlagen und Telekommunikationsendeinrichtungen, § 11 Inbetriebnahme und Anschlussrecht:

3) Betreiber öffentlicher Telekommunikationsnetze dürfen den Anschluss von Telekommunikationsendeinrichtungen an die entsprechende Schnittstelle aus technischen Gründen nicht verweigern, wenn die Endeinrichtungen die geltenden grundlegenden Anforderungen erfüllen.

Jeder darf über den Einsatz von TK-Hardware selbst entscheiden

Im Klartext: Jeder Bürger darf die TK-Hardware seiner Wahl an dem in seinem Haus oder Wohnung ankommendem Kupferdraht betreiben! Dieses allgemeingültige Recht eines jeden Bürgers wird durch die Bundesnetzagentur seit Januar 2013 in Frage gestellt: Nach Auffassung der Bundesnetzagentur ist die freie Wahl bei Telekommunikationshardware  zwar weiterhin möglich – ausgehebelt wird diese Argumentation durch eine kleine aber feine Einschränkung: Der Netzabschlusspunkt ist nicht mehr die Telefonanschlussdose (TAE) sondern der Router des Netzbetreibers. Wer weiß aber, was der nun nicht mehr unter eigener Kontrolle stehende Router im Fall der Fälle an Traffic überhaupt durchlässt? Kann die Anzahl der hinter dem Router betriebenen Netzwerkgeräte eingeschränkt werden?

Somit ist es Stand heute jedem Netzbetreiber zumindest erlaubt, einen Zwangsrouter vorzuschreiben – Kabel Deutschland beispielsweise nutzt diesen Freifahrtschein zur Verriegelung des eigenen Netzes bereits, der Router wird bei Inbetriebnahme via Provisioning mit den entsprechenden Anschlussdaten gefüttert. Einschränkend sei aber gesagt, dass Kabel Deutschland bislang den Datenverkehr nicht einschränkt und keine geplanten Einschränkungen kommuniziert hat. Für manche User kann ein mitgelieferter und vorkonfigurierter Router sogar eine Erleichterung bei der Inbetriebnahme sein – die Wahlfreiheit der Mehrheit wird jedoch eingeschränkt.

Zur Erinnerung: Gefühlt zahlt jeder Internetnutzer in Deutschland, der sich selber als Netzbürger sieht und das Internet reflektiert nutzt, für den Zugang zur weltweiten Autodatenbahn – Telefonanschluss und weitere Premiumdienste sind Dienstleistung, die zwar gerne in Anspruch genommen werden, aber nicht die eigentliche Motivation für den Abschluss eines DSL-Vertrages darstellen. Der entscheidende Beweggrund für einen DSL-Anschluss ist und bleibt der freie und un-reglementierte Zugang zum weltweiten Datennetz und den dort angebotenen Diensten! Übrigens: Die Telekom geht für das Jahr 2013 von einem durchschnittlich benötigten Datenvolumen pro Monat und Haushalt von 25 GB aus; für das Jahr 2016 werden 200 GB erwartet. Beides nicht unbedingt die Größenordnung, die einen Kollaps des Netzes erwarten lässt. Das ist auch vor dem Hintergrund beachtenswert, dass nachvollziehbare Schätzungen von einem „Großhandelspreis“ von unter 0,01€ für 1GB Datentraffic ausgehen, was die großen Provider betrifft. Der berechtigten Diskussion um die Zukunft der Netzneutralität ließe sich dabei recht einfach entkräften: Tarife dürften bei Budgetierung der Bandbreite nicht als Flatrate vermarktet werden und Provider dürften eigenen Content (und dazu gehört auch VoIP als Dienstleistung) nicht bevorzugen, d. h. er müsste auf das zur Verfügung stehende Bandbreitenbudget gleichberechtigt angerechnet werden. Ungeachtet der Tatsache, dass das Ende von DSL-Flatrates wie wir sie kennen eine rückwärts gewandte Entwicklung ist, spricht im Prinzip nichts gegen eine volumenabhängige Tarifberechnung – wenn denn die Bedingungen für alle gleich sind.

Warum könnte die Kraft des Marktes eingeschränkt werden, wenn ich einen Router „gestellt“ bekomme?

  • Datentraffic muss nicht mehr zwingend neutral beurteilt und behandelt werden – schon heute im Einsatz befindliche Technologien ermöglichen es, in Datenverbindungen „hineinzuhorchen“, Traffic zu kategorisieren und anschließend zu priorisieren – oder zu sperren. Bekannt ist das aus dem Mobilfunk, wo schon heute VoIP-Datenpakete identifiziert werden: Es gibt (teurere) Verträge, die VoIP erlauben – bei anderen Providern oder Verträgen wird VoIP entweder geblockt oder nur für eine zusätzliche Gebühr nutzbar gemacht. 
  • Wird ein bestimmter und vorkonfigurierter Router von einem Netzbetreiber mitgeliefert, dann hat der Endkunde unter Umständen nicht mehr die Möglichkeit, dahinter liegende Hardware nach den eigenen Vorstellungen zu konfigurieren und zu betreiben. So ist es denkbar, dass es nicht möglich ist, sich frei für einen alternativen VoIP-Provider als den DSL-Provider zu entscheiden. Der Router kann zwingend den Zugang nur zu einem vorkonfigurierten Anbieter bereitstellen.
  • Genauso wie VoIP-Provider können andere Internetangebote identifiziert werden – entweder kann dann der Inhalteanbieter zur Kasse gebeten werden oder der Kunde, um bestimmte Inhalte konsumieren zu können. Auch vorstellbar: Beide Seiten müssen zahlen. Damit dürfte klar sein, worin die Motivation für eine Beschneidung des Prinzips der Netzneutralität liegen kann. Zusammengefasst wird dies unter dem Euphemismus „managed service“.
    Diesen Shift von reinem DSL-Provider zu einem Content-Anbieter haben zahlreiche Telekommunikationsanbieter schon vollzogen.
  • Vectoring: Mit dieser Technologie will die Telekom versuchen, die Kapazitäten des teilweise 50 Jahre alte Kupfernetzes dem Bedarf anzupassen. Hierfür ist es notwendig, dass der Router in der Hand des Providers ist, um bremsende Interferenzen im Netz vorherberechnen zu können und damit die Kapazität zu steigern. Angenehmer „Nebeneffekt“: Das Netz kann nur von einem Provider genutzt werden, der anderen Anbietern Kapazitäten verkauft. Interessante und lesenswerte Details zum Thema Vectoring, die Rolle von Huawai als Hardwarelieferant und zur Motivation für die Nutzung eines veralteten Netzes sind hier in einem empfehlenswerten Artikel nachzulesen.
  • Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion um das Ende der Flatrates und den Routerzwang bislang zu kurz gekommen ist: Nach Auffassung der Bundesnetzagentur ist es legitim bzw. rechtlich nicht zu beanstanden, dass dem Nutzer die Zugangsdaten für Sprachdienste vorzuenthalten. Wiederum wird hier das Argument ins Feld geführt, dass der Router noch Bestandteil des Providernetzes ist.

Hintergrund: Netzmonopol und Hardwarehersteller

Interessant ist der sich in der Breite anbahnende Routerzwang auch vor dem Hintergrund der engen wirtschaftlichen Verbindung der zwei Telekommunikationsanbieter Telekom und Huawai. Beide Unternehmen sind eine Kooperation eingegangen. Vor diesem Hintergrund hat ein Routerzwang zwei Vorteile für die Unternehmen. Aus Sicht der Telekom könnte der Zugang zu Ihrer Infrastruktur vor Wettbewerbern geschützt werden. Entgelte ließen sich sowohl von Konsumenten als auch auf Ebene der Produzenten von Content erheben. Beiden Seiten können so garantiert werden, dass der Content schnell über die Datenautobahnen transportiert wird; außerdem können nebenbei eigene Premium-Dienste, die in direkter Konkurrenz mit anderen Anbietern (Film- & Musikstreaming, VoIP) stehen, bevorzugt behandelt werden. Entstehendes Datenvolumen wird nicht angerechnet.

Für Huwai als Hardwarelieferant der Telekom ist ein Routerzwang ebenfalls reizvoll, da mit einem Routerzwang ein fester Lieferant für die entsprechende Hardware benötigt wird. Und das auf einem Markt, der ein stabiles Volumen auf lange Zeit garantiert. Wettbewerber werden aufgrund der starken Marktposition der Telekom so ausgebremst. Zudem hat Huawai, als Telekommunikationshersteller im sensiblen Bereich der IT-Sicherheit tätig, durch seine engen Verbindungen zum chinesischen Staat nicht den besten Ruf. An dieser Stelle sei gesagt, dass diese Meinung durch die international Berichterstattung gebildet wurde, keinesfalls aber mit Fakten belegt ist.

Fazit

Unserer Meinung nach muss die Diskussion, die mit der Ankündigung des Endes echter Flatrates durch die Telekom entstanden ist, genau verfolgt und aktiv mitgestaltet werden. Eng mit der Gefahr der Aufgabe des Prinzips der Netzneutralität verbunden ist der Routerzwang. Hier wird dem Missbrauch durch marktmächtige Unternehmen Tür und Tor geöffnet. Das bedroht nicht nur zahlreiche Unternehmen der ITK-Branche sondern auch 53,4 Mio. Deutsche, die das Internet aktiv nutzen und deren Usergewohnheiten. Dazu müssen noch diejenigen User gerechnet werden, die heute schon unwissentlich über VoIP telefonieren bzw. mit dem Ende der klassischen Festnetztelefonie auf IP umgestellt werden.
Die Entstehung neuer Content- und Dienstanbieter kann aktiv erschwert oder sogar behindert werden – man Stelle sich an dieser Stelle vor, YouTube hätte zu seiner Entstehungszeit für Bandbreite bezahlen müssen. Vielleicht wäre die Entstehung verhindert worden, sicherlich aber wäre der Siegeszug des Videodienstes anders und wahrscheinlich holpriger und zäher verlaufen.

Insgesamt muss die aktuelle Diskussion nicht zwangsläufig zu den genannten spekulativen Einschränkung führen – ist aber durchaus ein mögliches Zukunftsszenario. Hier gilt es als Verbraucher wachsam zu bleiben und die Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen.

Wie seht Ihr die aktuelle Entwicklung? Und was uns als Hersteller von VoIP-Telefonanlagen und IP-Telefonen besonders interessiert: Welche Auswirkungen könnten die genannten Entwicklungen auf die Internet-Telefonie insgesamt haben?

Weiterführende Informationen:

Pic by frankieleon| the world wide web | flickr | keine Änderungen vorgenommen |CC BY 2.0
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